PURPLE SUNSHINE ’95 - Deep Purple
Generalprobe für’s neue Linup
THE BATTLE RAGE ON ist aus vielen Gründen ein besonderes Album. Nicht des Jubiläums wegen, oder der Musik! Nein wie kein zweites Album steht es für den Niedergang der Band, einer Phase der Heilung und den Neustart der Legende. Wie es sich für eine Live-Band gehört kann man das auch authentisch nachvollziehen. Es gibt viele Veröffentlichungen; legale und illegale.

Ritchie’s Abgang stellte eine Katastrophe dar. Joe half den restlichen Mitgliedern wieder zur Zuversicht. Er war jedoch nie eine Lösung für die Zukunft. Mitten im Folgejahr der vermeintlichen Zerstörung suchte man Ersatz für den Herrn Satriani. Das von allen erwartete Ende sollte es noch nicht geben. Zuviel Lust und Spielfreude kehrte wieder in die Herzen der Protagonisten ein. Wegen dem Lebensmut und der Lust am Spielen stand so eine Entscheidung längst nicht mehr zur Debatte.
Glaubt man die Geschichte so sollen die vier Verblieben Zettel beschriftet haben. Darauf sollte ein jeder eine Reihenfolge von neuen möglichen Gitarristen festgehalten haben. Auf jedem der Zettel soll Steve Morse ganz oben gestanden haben. So wurde er gefragt und er sagte nach einigen Zusicherungen vom Rest der Band auch zu. So kam es zu einem Treffen. Alle spielten sich dann in Mexiko ein. Die Chemie stimmte. So wurden Ende November 1994 zwei Konzerte in Mexiko (México City und Monterrey) und eines in Texas (Corpus Christi) gespielt. Alles funktionierte und Steve wurde festes Mitglied der Band. Sie komponierten auch wieder neues Material.
Anfang März 1995 veranstaltete die Band zwei Geheim-Konzerte in Florida. Es galt den neuen Gitarristen fester in der Band zu verankern. Auch wollte man einige neue Stücke am Publikum ausprobieren. Zwei Konzerte wurden gebucht. Am 03.03. betrat die Band die Bretter der Bühne im Tupperware Center Theatre And Convention Center in Orlando. Der zweite Abend dieser kleinen Startrunde (ein Tag später) wurde in BILD und Ton festgehalten. Vermutlich mit einer gewöhnlichen Video-Kamera konnte fast der ganze Abend im Sunrise Musical Theater für die Nachwelt konserviert werden. Bis auf einige wenige Momente findet sich hier der wohl erste Mitschnitt der Band mit dem Herrn Morse.
Lief alles nach Plan wollte die Band ab dem 18. März durch Südkorea, Südafrika und Indien fliegen um diese Live-Erbrobung an internationalen Zuschauern auszuprobieren. In diesen Ländern war die Band vorerst nie oder nur ganz selten. Bis zum 18. April war diese Reise geplant.
Wurden im Jahr davor die Konzerte noch mit "Highway Star" eingeleitet, so begann man statt dessen mit "Fireball" den Abend. Hier blendet die Aufnahme ein. Der Großteil des Songs fehlt leider. So hört man nur gute drei Minuten zu.
Gewöhnlich folgte nun "Ramshackle Man". Nicht so beim Auftritt im März. Hier kommt der alte Gassenhauer "Black Night" wieder zum Zuge. Druckvoll wird Ritchie’s Rest-Riff und der im Suff entstandene Text ans Auditorium weitergerückt. Steve spielt vielleicht etwas steif am Anfang. Er interpretiert jedoch vieles anders als seine Vorgänger. Das hört man deutlich.
Das sonst folgende "Maybe I‘m A Leo" entfällt. Dafür rückt das Titelstück des aktuellen Albums an diese frühe Stelle. "The Battle Rage On" wirkt frisch. Steve spielt zusammen mit der Band. Sie kommt kompakt und frisch daher.
Schon beim vierten Song gibt die Band eine Neukomposition zum Besten. "Vanvoom: Ted The Mechanic" wird das kommende Album eröffnen. Hier hören wir eine frühe Variante. Es gibt gehörig Druck. Deutlich hört man die DNA der Band. Ein toller Song und im besten Band-Geist live gespielt. Steve blitzt auf und zeigt wie gut er zu den anderen Beteiligten passt.
Das nachfolgende "Woman From Tokyo“ wird wieder aus dem Medley-Korsett herausgelöst. Es wird in voller Länge auf der Bühne präsentiert . So beruhigt sich die Stimmung ein wenig und zeigt wie gut das alte Material zum Neuen passen kann. Steve wirkt hier vielleicht ein wenig befremdlich zu Beginn. Das gibt sich und wir hören ein starkes Stück Musik. Jon dominiert deutlich im Klangbild.
"The Purpendicular Walz" ist noch verteufelt frisch. Gut ein Jahr später findet man auch dieses Stück auf dem Album PURPENDICULAR. In der wohl ersten live aufgenommen Variante wird es für immer fest verankert. Ian singt mit Inbrunst. Steve und Jon begleiten ihn.
Ian Gillan ist mit "When A Blind Man Cries" fest und für immer verbunden. Zerbrechlich spielt sich Steve in den Titel. Im Vergleich mit Joe Satriani wirkt er wärmer. Das passt gut zum Song. Er lässt sich Zeit und gestaltet fleißig mit. Hier hört man sein Gitarrenstil wirklich toll heraus.
Seit 1984 ein ständig live erprobter Song wird auch an diesem Abend angespielt. "Perfect Strangers" erkennt man auch mit dem neuen Gitarren-Meister wieder. Natürlich lebt das Teil in erster Linie von Jon. Steve passt sich an und fügt sich ein. Er donnert nicht so stark wie einst Ritchie, das kann jedoch auch am Mitschnitt selbst liegen. Ian singt einfach toll.
"Pictures Of Home" wurde auch schon mit Joe gespielt. Hier glänzte er immer bis zur Übergabe an Jon. Auch Steve hält sich hier nicht zurück. Er wirkt frisch und motiviert. Sein Spiel klingt noch ein wenig unsicher. Vielleicht ist er nervös. Jon hingegen kennt solche Umstände nicht wirklich. Zu oft schon kleidete er größere und kleinere Fauxpas anderer Mitglieder aus. Hier spielt er nur ein kurzes Solo.
Schließlich startet "Knocking At Your Back Door". Wieder spielt Steve toll mit. Der Drive des Songs wirkt wie immer leicht gebremst. Erst ab der Mitte wird es lebendiger. Leider wird der Hörer nach gut sechs Minuten aus dem Titel ausgeblendet. Warum das so ist erklärt sich nicht. Sicher war das Band alle? Schade irgendwie, weil der interessante Part dadurch doch fehlt.
Gleichwohl geht es mit "Anyone‘s Daugther" weiter. Hier hört man wie immer eine starke Band. Steve schafft es andere Akzente zu setzen. Es scheint ein wenig anders, wenn man genau hinhört.
Wie auch immer man zu "Child In Time" steht. Viele verteufeln Versionen ohne Blackmore. Der hat den Song zusammen mit den anderen schließlich in monatelanger Live-Arbeit zu dem Erfolgserlebnis geformt. Doch das ist nur ein Teil der Geschichte. Jon‘s Intro ist im Grunde wesentlich für den hohen Wiedererkennungseffekt verantwortlich. Und da ist vor allem Ian Gillan‘s Stimme! Kein anderer Sänger packt so viel Gefühl in das Teil, singt, stöhnt und beansprucht seinen Kehlkopf in dieser Art.
Steve passt auch hier hervorragend zum Spiel der Band. Joe hatte hier und da Probleme mit seinem Spiel. Wollte er wohl zu sehr den Blackmore geben? Der neue Gitarren-Bediener hingegen scheint Herr der Sache zu sein. Er biegt sich seinen Teil ein wenig zurecht. Alles kein Grund zum Einschnappen. Er war schließlich angetreten um sich einzubringen. Blackmore‘s Fußstapfen waren eh schon weg. Zu groß waren sie nie.
"Anya" zeigt das deutlich. Die Blackmore-Nummer ist ein Gradmesser für Selbstwert und Qualität des Gitarristen. Steve hat keine Angst vor dem Teil. Er gestaltet und bedient sein Instrument wie er es in dieser Situation für richtig hält. Man hört Unterschiede zu seinen Vorgängern. Das ist nicht tragisch, sondern Ausdruck der neugefundenen Spielfreude der Band. Einfach genießen und zuhören.
Nach diesem Teil bekam Joe Satriani die Gelegenheit sein Material vorzutragen. Steve braucht keine Extra-Nummer mehr. Er ist schon festes Mitglied der Band. "Soon Forgotten" findet sich auf dem schon geplanten neuen Album wieder. Es ist in der Spielweise ein hundertprozentiger Purple-Titel. Schwer und doch elastisch verschafft sich das Teil Raum auf der Bühne. Es wirkt noch neu und irgendwie nicht fertig. Doch so funktioniert diese Band. Sie probt Neues auf der Bühne.
"Lazy" hingegen muss nicht erprobt werden. Es ist seit Jahren fester Bestandteil der Auftritte. Immer wieder überrascht die Band. Hier in dieser Version spielt Steve einen coolen Lauf. Nur mit dem Bass im Backround. Dann startet der Titel und zündet durch. Nicht eine Minute langweilig lauscht man gespannt. Jon und Steve ergänzen sich toll. Ein Grund warum der Neue mit wehenden Fahnen die Band überzeugt. Vor dem Hörer entfaltet sich eine frei aufspielende Band. Locker und leicht bluest es vor sich hin bis der Herr Paice die Sticks im Alleingang über seine Felle sausen lässt. Er schlägt ordentlich auf sein Instrument ein, verliert kaum Tempo und lässt auch dieses Solo so zum Höhepunkt werden.
Mit "Speed King" schließt sich dann der Abend. Die Band jamt mit sich selbst und brennt die Bühne auch ohne die Gitarren-Tötung nieder. "Space Truckin‘" hat ausgedient. Auch "Paint It Black" fällt bei der Erneuerung in den berühmten Mülleimer. Wirklich nötig sind die Teile eh nicht mehr. Steve klingt echt toll und gibt sich genug Raum zur Gestaltung. Jon ergänzt sich toll mit ihm. Ein starkes Ende des regulären Auftrittes. Die Band treibt sich nochmals an, bevor der letzte Ton verklingt.
Die Massen schreien und wollen eine Zugabe. Was auch sonst; waren sie doch Zeugen eines wirklichen Neustartes. Waren sich das alle im Publikum bewusst? Sie wollten mehr hören! Das war das Wichtigste, egal warum.
Mit dem einstigen Einsteiger beginnt die Zugabe. "Highway Star" wird brutal durch die Halle geschleudert. Die Halle bebt und die Band geht ein letzte Mal in die vollen.
Mit "Smoke On The Water" geht das Konzert wie gewohnt in die endgültig letzte Runde. Hier allerdings wird dem Hörer genau dieses verwehrt. Nach guten viereinhalb Minuten wird brutal ausgeblendet. Das enttäuscht ein wenig und man hat das Gefühl dem unsauberen Ende einer Show.
Das war es jedoch nicht im geringsten. Hier mit diesem Mitschnitt präsentiert sich eine neue Band. Die Altlasten haben die Stamm-Mitglieder hinter sich gelassen. Sie sind bereit für neue Abenteuer. Sie machen sich auf in eine neue Zukunft. Diese werden fortan getragen von Verständnis und Brüderlichkeit. Eine aufregende neue Epoche nimmt diese Formation in Angriff, deren Neubeginn ganz sicher nicht von allen Fans euphorisch begrüßt wird. Das ist echt schade, denn das was dort auf der Bühne das Publikum unterhält war ganz gewiss nicht schlechter.
Die Aufnahme ist trotz der teilweise unvollständigen Titel in einem akzeptablem Klang verfügbar. Mit ein wenig Nacharbeit lässt sich ein ansehnliches Bootleg gestalten. Ein Dokument der Auferstehung und des wirklichen Neubeginns. In jener Zeit beginnt quasi ein Abschnitt, welcher im Grunde nach dem Weggang von Blackmore nicht denkbar erschien. Dass dieser Abend auch noch im Bilde festgehalten wurde macht das Dokument noch bemerkenswerter.

