LIVE IN MUNICH 1977 - Rainbow
Die beste Besetzung ist leider schon Geschichte
Jimmy Bain wurde von Ritchie als unfähig dargestellt. Er wurde noch vor Beginn der Aufnahmen zum dritten Album LONG LIVE Rock `N`ROLL gefeuert. Tony Carey wurde im selben Kontext durch den Ungestümen gekündigt. Man fand keinen Ersatz und verpflichtete ihn erneut. Er floh schließlich vor Angst durch heftige Mobbing-Attacken vom Château d’Hérouville aus Frankreich. Er flog zurück nach Los Angeles. Blackmore und Powell hatten es deutlich übertrieben.

Ersatz musste dringend her. Es galt Auftritte zu absolvieren und die Songs des neuen Album waren noch nicht fertig. Im Frühjahr 1977 kam es so zu Neukontakten. Schließlich verpflichtet Ritchie David Stone (einen Kanadier) als Tastenbediener und den Australier Bob Daisley am Bass.
Im Spätsommer des Jahres spielte man sich ein und ging anschließend nochmals auf die RISING-Tour. Erst durch Skandinavien und später durch den Rest der Welt Die neuen Mitglieder gewöhnten sich noch an die neue Musik und schafften sich Live-Feeling drauf. Einen dieser doch eher frühen Auftritte können wir heute noch verfolgen.
Am 20.10.1977 enterten sie in der Olympiahalle in München die ebene erhobene Fläche vor der versammelten Anhängerscharr. Dieser Auftritt wurde in Bild und Ton festgehalten. Er lässt sich über verschiedene Medien nachvollziehen. Der Abend wurde auch im Rahmen des Rockpallastes ausgestrahlt.
Die übliche Einleitung eröffnet auch jenem Abend. Ritchie legt sich gleich nach einem kurzen Trommelschlag in die Vollen. Trocken und hart bricht "Kill The King" los. Die Nummer passt an den Beginn eines jeden Konzertes. Power wo man auch immer hinhört. Der Gitarrist rast und der Rest setzt gnadenlos nach.
Mit "Mistreated" geht es in die nächste Runde. Wie ich schon mehrfach geschrieben habe singt Ronny das Teil echt Klasse. Blackmore brilliert von der ersten Minute an. Dann schiebt der Sänger den Text in die Halle. Er leidet und schmachtet. Zusammen mit dem Polster der Band ist jede Intonierung ein Ohrenschmaus für den geneigten Musikverehrer.
Ein erstes Mal sind wir Zeugen der Improvisation des Saitenverwöhners. Das konnte er damals wie kein zweiter. Von druckvollem Spiel bis zur liebevollen Zuwendung vergingen nur wenige Takte. Folgen wir dem Virtuosen begleitet durch das gut hörbare rhythmische Klatschen der vor der Bühne versammelten Massen. Schmerz war nie schöner, Kummer wurden nie besser auf dem Boden des Ruhmes ausgebreitet. Eine Hammer-Nummer; auch hier wieder.
Rainbow war seit dem Start auch Ronnys Band. Mit diesem Song gewann er einst das Herz des Zauber-Gitarristen. Natürlich war die Band längst nicht mehr so wie 1975. Ritchie gewann deutlich die Oberhand.
Der Herr Blackmore spielt sich liebevoll in das nachfolgende Stück ein. Hier hört man keinen Hardrocker, sondern lausch klassischen Klängen. Dann erst startet brachial der Brecher. Ronny ist hier der Held am Mikro. "Sixteenth Century Greensleeves" lebt dank ihm und wird episch durch seine Stimme. Er heizt den Massen ein. Augen schließen und bewundern.
"Catch the Rainbow" zählt längst zu den wichtigsten Nummern der Band. Schwer schleppt es sich hin und zieht sich mit zuckersüßem Gesang der Herrn Dio. Irre wie gut sich das anhört. Einfach mal alles weglegen und sich auf das konzentrieren was sich zwischen den beiden Trommelfellen so abspielt.
Gefühl wo man hinhört. Der zweitlängste Titel des Abends ist nicht langweilig. Er strotzt vor Power welche meisterlich zurückgehalten wird. Nur ab und zu bricht förmlich die Bühne unter dem Druck zusammen. Ich liebe die Anmut dieser überlangen Fassungen, die Momente, in welchem einem die Ohren wegfliegen. Man bleibt beeindruckt zurück und lauscht nur noch. Gott sei Dank beruhigt sich wieder alles und man entspannt. Es wird poetisch und verspielt, bis schließlich die Energie sich entlädt.
Ronny präsentiert "Long Live Rock 'n' Roll" als Titeltrack des im Januar 1978 erscheinenden Albums. Die wirklich frisch vorgetragene Werbung zündet auf Anhieb. Das Teil reißt mit und ist eine Anheiznummer ohne Ende. Dio wird sich noch das eine oder andere Mal an das Teil erinnern, auch in seinen eigenen Formationen. Auch mit anderen Sängern bleibt das Stück noch eine wirklich lange Zeit im Live-Programm.
Ähnlich verhält es sich mit dem nächsten Song. "Man On The Silver Mountain" ist ein Meilenstein. Hier steigt Ritchie gleich sehr hart ein. Er improvisiert fleißig. Die Nummer ist ein absoluter Glücksbringer und verbleibt fast für immer im Liveprogramm. Keiner seiner Nachfolger singt es jedoch so wie Ronny.
Dass Ritchie auch dem Blues zusprechen kann hören wir als Einwurf in der Mitte des Titels. Jede Menge Gefühl investiert der gute Gitarrenhexer. Immer unterstützt von einer behutsam spielenden Band. Nach einer kurzen Improvisation vom Sänger ("Night People") geht der Song stark zu Ende.
Im Anschluss darf David Stone sein Solo an das Volk absetzen. Er bedient sich epischer und schwerer Elemente. Alles wirkt groß und mächtig. Behutsam folgt dann der Gitarrist. Diese Verspieltheit hält nicht lang.
"Still I`m Said" bricht dann los. Leider wirkt David irgendwie fremdartig mit seiner Begleitung. Hier trifft gut dosierte Härte auf die zurückhaltende Spielweise eines der größten Saitenziehers seiner Zeit. Wir hören hier schon Anklänge von Beethovens 9. Sinfonie. Später wird das klassisch adaptierte Musikstück zum Titelstück einer LP. Doch das folgt später.
Das Solo des Herrn Stone ist professionell und Technik-Affin. Breit aufgelegt bedient er sich auch synthetischer Klänge. Es ist längst nicht so ausufernd wie andere Solos von seinem Vorgängern oder Nachfolgern. Ist es vorüber darf Cozy glänzen. Das tut er auch und er zeigt den im Saal versammelten Volk gehörig wo der Trommelgott die Felle gespannt hat. Wenn die Fanfare ertönt weiß der Geneigte, dass das Ende eines großen Solos naht.
Sind die letzen Töne des wieder einsetzenden Orchestrions verstrichen ist der offizielle Teil des Abends Geschichte. Wenn die Fans mehr wollen müssen sie es bekunden. Das tun sie auch.
Die Zugabe beginnt mit einem kleinen Intro vom Meister der Gitarre. Gute zwei Minuten später starten wir in "Do You Close Your Eyes ". Es wird ein wenig gejammt. Ritchie wirkt kontrolliert und drückt sich das Stück entlang durch den Song. Zum Abschluss des Ganzem verschrottet der meistens in Schwarz gekleidete Ausnahmekünstler noch eine seiner Gitarren. Er lässt sich durchaus Zeit und führt das arme Musikgerät schließlich einem Gnadentod zu. Es dröhnt und wummert gewaltig. Mit brummenden Verstärkern wird das Publikum nach Hause geschickt.
Das Konzert ist ganz sicher wertvoll, da hier diese frühe Version der Band auch im Bild festgehalten wurde. Die beste Formation jedoch sehen wir nicht. Die ist leider schon Geschichte. Der Sound jedoch stimmt. Vor allem die tolle Bass-Spur fasziniert. Der Keyboarder an sich enttäuscht ein wenig.
Eine Live-Tour zum nächsten Album überlebt diese Formation noch. Danach besteht die Band nur noch aus Cozy und Ritchie. Wieder geht alles von vorn los. Nur eben anders.



